Von Risiken und Nebenwirkungen: Schwindelattacken

holger-luening-teideDas Wichtigste vorweg: hier geht es nicht um Mitleidsbekundungen oder deren „Hascherei“. Ich möchte einfach für ein Thema sensibilisieren und vielleicht nur einem einzigen Leser, der sich die folgenden Zeilen durchliest, helfen. Denn kleine Dinge können das Leben ganz schön durcheinander wirbeln. Und so fing alles an.

März 2012: Hörsturz und Klinik-Aufenthalt mit klassischer Infusions-Therapie mit Cortison und Trental 600. Weitere Diagnose: Feststellung eines Akustikusneurinoms – ein gutartiges Geschwür am Hörnerv. Prognose: Operation oder Bestrahlung in den nächsten 1-2 Jahren mit wahrscheinlichem Hörverlust auf dem betreffenden Ohr.

Februar 2014: 2 Jahre später – Gamma-Knife-Bestrahlung des Neurinoms. Schlimmer als erwartet. Im Anschluss daran ein weiterer Hörsturz und starker Schwindel. Unter den Medikamenten auch wieder Trental 600. Abflug nach Teneriffa unter massiven Beschwerden. Nach 10 Tagen das Schlimmste überstanden.

April 2014: Das hätte nicht kommen dürfen! Der erste selbst verschuldete Sturz meines Lebens. Bei 25km/h schlage ich mit der linken Körperseite auf den Asphalt von Teneriffa. Helm gebrochen, Rippe gebrochen und ein Schleudertrauma. Der Kopf brummt und ich denke, die Einnahme der „Rest-Medikamente“ vom Februar, darunter wieder Trental 600 (hatte ja eigentlich im Februar 2012 gut geholfen) könne nicht schaden. Am 12.4. endet unsere Camp-Saison. Beginn der Heilung? Weit entfernt davon: mit der Entspannung verschlechtert sich die Lage fast täglich. Der nächste Hörsturz sucht mich heim!

Mai 2014: Heimflug nach Deutschland. Weitere Einnahme der bekannten Medikamenten. Zunehmende Verschlechterung des Zustands mit dem Höhepunkt Ende Mai: totale Unsicherheit beim Radfahren, 400 Meter nach Tourenbeginn eine Hauswand touchiert. Schwindel & Abbruch und nicht mehr fähig, geradeaus zu fahren! Nächster Versuch Laufen: renne Schlangenlinien und kann kaum geradeaus laufen. Der Schädel scheint zu platzen. Nur eine Momentaufnahme?

Juni 2014: Beschwerden nehmen weiter zu. Die Ärzte wollen Sicherheit. MRT gibt Anlass zur Beruhigung: keine Kopf-, Hirn- oder Wirbelsäulenverletzungen. Schwimmen wird während dessen zu einem Albtraum. Schwimme von einer Leine zur nächsten und liege schief im Wasser. Keine Kontrolle mehr über den Gleichgewichtssinn. Autofahren wird zu einer Mammut-Konzentrations-Aufgabe. Und wird schon fast ein wenig gefährlich.

Am 1.6. laufe ich durch den Wald und torkele von links nach rechts. Denke mir, dass dies lächerlich aussehen muss und fange an zu lachen. Lache mich selber aus! Nicht lange, denn wenige Sekunden später wird mir das Ausmaß der Situation bewusst. Ich stehe alleine im Wald und verharre in Verzweiflung. „Wird das jemals besser?“, „Macht das Leben noch Sinn, wenn ich es nicht mehr kontrollieren kann?“ Ich bin offensichtlich nicht mehr Herr der Lage.

Ich bin selber erschrocken, als diese Gedanken in meinen Kopf schießen. Solche Gedanken bei mir, dem selbsternannten Mr. Zuversicht? Das bin ich doch gar nicht mehr selbst! Was läuft hier schief? Am Abend gehe ich mit meiner Familie essen, torkele auf dem Gehweg, höre im Restaurant nur Stimmengewirr und weiß fast nicht mehr, wo ich bin, wer ich bin … auf der Heimfahrt sitze ich auf dem Beifahrersitz und frage mich wieder … „Wird das jemals besser?“ …

Krisensitzung am Abend und plötzlich die Idee meiner Frau: „Hast du bei deinen Medikamenten eigentlich mal nach den Nebenwirkungen geschaut?“ – „Nein, wieso? Ja, aber vielleicht sollte ich das mal tun!“ Das Ergebnis? Beipackzettel: Trental 600 mit Nebenwirkungen wie Schwindel! Aha! Sofortige Recherche im Internet. Dabei stoße ich auf Foreneinträge, die von Schwindel und heftigen Depressionen (die sich dem Suizid-Wunsch näherten) berichten. Dass eine Depression nicht einfach nur eine harmlose Stimmungsschwankung ist, weiß ich nun auch. In diesem Fall ausgelöst durch ein Medikament. Es ist kaum zu glauben! Scheinbar bin ich also nicht der einzige Patient, der eine Überempfindlichkeit besitzt. Ich setze noch am selben Abend die Medikamente ab.

Zu diesem Zeitpunkt fahre ich schon fast 2 Wochen nicht mehr Rad, laufe und schwimme wechselweise aber jeden Tag. Mit jeder Trainingseinheit, die allesamt ganz weit entfernt davon sind, leistungssportlich zu sein, geschweige denn überhaupt Spaß machen. Das ist weder Schwimm- noch Triathlonsport – das ist Rehabilitation. Es ist fast lächerlich und ich gehe hart mit mir in´s Gericht. Aber: ich kämpfe gegen den „Dämon“ und stelle nach jedem Training fest, dass sich mein Zustand um 1-2% bessert. Das ist doch was! Und was noch wichtiger ist: Bewegung gibt mir das Gefühl, das Steuer in der Hand zu haben.

Nach weiteren 2 Wochen ohne jegliche Medikamente nehme ich das Radtraining wieder auf. Die ersten beiden Touren absolviere ich mit Turnschuhen, aus Angst, ich könne nicht mehr rechtzeitig aus den Pedalen ausklicken und einfach auf den Asphalt knallen. Ich spüre, wie sich der Schwindel erfolgreich an meinem Selbstbewusstsein zu schaffen gemacht hat. Er sorgt dafür, dass man den Alltag nicht mehr aktiv gestalten kann. Man traut sich nicht mehr, über die Straße zu gehen, aus Angst, man könne ein Auto übersehen oder überhören. Es ist wie ein Leben unter einem Vollvisierhelm … mit beschlagenem Visier obendrein.

Stand heute: die Lage bessert sich täglich. Die Sprünge liegen immer noch bei nur 2-3%. Aber das reicht, um die Zuversicht zurück zu gewinnen. Radtraining seit 2 Wochen, Schwimmen zwar nicht mit großem Anspruch aber regelmäßig und das Laufen kommt so langsam wieder auf Kurs. Die Richtung stimmt also. Was ist nun die Moral von der Geschichte? Denn genau um das Fazit geht. Nicht um mein Einzelschicksal.

Klingt so simpel: Natürlich sollte man sich die Packungsbeilagen genau ansehen. Mitunter steckt der Teufel in der Chemie. Keine Frage, viele Medikamente sind wahre Wunderheiler. Dennoch sollte man sensibel bleiben und bei plötzlichen Veränderungen überprüfen, ob man nicht Opfer einer Überempfindlichkeit ist. Die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt ist dabei ganz wichtig. Auch in meinem Fall war das sehr hilfreich. Doch die wichtigste Erkenntnis für mich ist: so schwer es fällt, es gibt nichts Wichtigeres, als sich zu bewegen. Rausgehen, das eigene Blut in Wallung zu bringen, allen Organen das Signal zu geben, die Maschine weiter am Laufen zu halten. Das kann schon fast das Leben retten! Mir hat es definitiv geholfen.

Für den gemeldeten Ironman 70.3 in Luxemburg reicht das leider nicht mehr. Die Saison ist aber noch nicht vorbei! Und gestern: 60 Km Rennrad mit einem 34er-Schnitt und ein anschließender 6km-Koppellauf im 4.00er-Schnitt. Es geht voran …

 

 

 

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3 Kommentare

  1. Bei dieser komplexen Problematik nutzen wir besonders sanfte ganzheitlich sensomotorische Bewegungsimpulse zuerst passiv im Liegen für eine schnellere Rehabilitation!! Körpersignale erkennen lernen!!! Ich würde mal „Dynamische Integration“- http://www.dynintegra.de ausprobieren.
    Herzliche Grüße und gute Besserung Heinz Grühling

  2. Hi, lieber Holger, ja, Gesundheit ist unser höchstes Gut. Und Bewegung ist überlebensnotwendig für alle. Viele merken das leider erst, wenn es ernst wird. Ich wünsche Dir eine schnelle vollständige Genesung und vor allem eine entspannte Saison. Ich bin Genuss-Sportler geworden und seitdem bin ich nicht nur fitter, sondern es geht mir auch besser. Nimm den Druck raus. ;O)
    health & peace
    Slatco Sterzenbach

  3. Vielen Dank, Slatco! Habe da ein schönes Video von einem Vortrag von dir gesehen. Das werde ich nächste Woche hier posten, weil da ganz schön viele kluge Ansätze zu finden sind. Viele Grüße und hoffentlich auf ein Wiedersehen in naher Zukunft. Irgendwie war dieses Erlebnis ja auch eine Art Fortbildung auf dem Weg zu anderen möglichen Vorhaben. Holger

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